Die 10-Millionen-Schweiz – ein fataler Irrtum
Von
Simon Michel
am 17. März 2026
Die SVP als Urheberin stellt die «10 Millionen-Schweiz» als «nachhaltig» und «zukunftsorientiert» dar und verspricht, durch restriktive Zuwanderungspolitik Wohlstand, Sicherheit und Identität zu schützen. Tatsächlich aber wäre sie ein nationales Eigentor von historischem Ausmass. Denn eine Volkswirtschaft braucht ein gewisses Bevölkerungswachstum, um das Wohlstandsniveau aller sicherzustellen. Das Fundament des Schweizer Erfolgsmodells liegt nicht in der absoluten Grösse, sondern in einem gesunden Verhältnis zwischen Arbeitnehmenden und Menschen, welche nicht mehr oder noch nicht im Arbeitsprozess involviert sind.
Das Wirtschafts- und Sozialsystem westlicher Gesellschaften lebt davon, dass ein Grossteil der Bevölkerung arbeitet und Steuern zahlt. Mindestens jeder Zweite, besser zwei von drei Menschen, müssen erwerbstätig sein, damit der Motor läuft. Dann sprechen wir von einem gesunden Verhältnis. Alles darunter führt zwangsläufig in die Überhitzung des Sozialstaates – mehr Empfänger, weniger Beitragszahler. Die Schweiz steht dabei bislang gut da: Hohe Erwerbsbeteiligung, tiefe Arbeitslosigkeit, gerechte Umverteilung, solide Finanzen. Aber gerade diese Stabilität steht auf dem Spiel, wenn man die demografische Realität ignoriert.
Denn die 10-Millionen-Schweiz ist kein Zukunftsprojekt, sondern eine demografische Zeitbombe. Die Bevölkerung altert aufgrund moderner Medizin und gesünderem Lebensstil rapide. Bis 2040 wird ein Viertel der Schweizerinnen und Schweizer älter als 65 Jahre sein, über 2,3 Mio. Menschen, bis 2025 sind es 2,7 Mio. Die Zahl der Hochaltrigen explodiert, während die jüngeren Jahrgänge aufgrund der zu niedrigen Geburtenraten leicht schrumpfen. Und weil Zuwanderung diese Schieflage nur kurzfristig kaschiert, wird das Verhältnis zwischen aktiver und passiver Bevölkerung unausweichlich kippen. Hinzu kommt, dass die Boomer in Pension gehen und die inländische Erwerbsbevölkerung sogar schrumpft: Bis 2040 zeichnet sich in der Schweiz eine demografische Lücke von gegen 450’000 fehlenden Arbeitnehmenden ab.
In einer 10-Millionen-Schweiz wären dereinst rund 5,4 Mio. Personen erwerbstätig, bei 2,7 Mio. über 65-Jährigen und 1,9 Mio. Jungen, welche noch nicht arbeiten. Damit fielen wir auf eine sehr tiefe Erwerbsquote von bloss 54 Prozent – ein Wert, der für ein Hochlohnland schlicht nicht tragfähig ist. Wenn dann noch die Bilateralen ins Wanken geraten, potenziert sich der Schaden.
Eine Erwerbsquote von 54 Prozent hiesse: Zwei Erwerbstätige finanzieren nahezu denselben Leistungsumfang für zwei Nichterwerbstätige. Das ist kein solidarisches Modell mehr, sondern eine Überforderung des Sozialstaates. AHV, Gesundheitswesen und Bildung würden an den Rand der Finanzierbarkeit gedrängt. Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel, und die Steuerlast steigt unausweichlich. Die Rechnung ist einfach – und sie geht nicht auf.
Die 10-Millionen-Schweiz ist damit nicht der Weg zu mehr Wohlstand, wie die SVP verspricht, sondern der Anfang vom Ende des schweizerischen Erfolgsmodells. Sie höhlt das aus, was das Land stark gemacht hat: den sozialen Zusammenhalt durch gesunde Umverteilung und den Respekt vor dem Gleichgewicht zwischen Generationen. Wer dieses Projekt vorantreibt, opfert Stabilität auf dem Altar des Wachstumsfetischismus. Die Schweiz braucht nicht mehr oder weniger Menschen, sie braucht eine Politik, die mit den Menschen rechnet, die da sind, und die notwendigen Arbeits- und Fachkräfte zulässt, welche das Wohlstandsniveau und das BIP pro Kopf stabilisieren oder sogar steigern können, damit wir die Umverteilung auch morgen sicherstellen können.
Die 10-Millionen-Schweiz ist ein fataler Irrtum und nicht in erster Linie für die Bilateralen bzw. die Personenfreizügigkeit, sondern für den Wohlstand der Schweiz.


